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21. November 2009
 

ZDF.umwelt

 
sonntags, 13.15 Uhr
Rückblick: ZDF.umwelt vom 29.03.2009
Kirsten Brodde.
Autorin des Buches "Saubere Sachen": Kirsten Brodde

Ökomode - Die bessere Alternative

Interview mit Kirsten Brodde

Der graue Winter ist noch nicht vorbei, da lockt schon die farbenfrohe Frühjahrsmode in den Läden. Was man nicht sieht: In vielen Textilien stecken Inhaltsstoffe, die die Gesundheit gefährden und die Umwelt stark belasten. Warum Ökokleidung besser ist, verrät uns die Autorin und Journalistin Kirsten Brodde im ZDFonline-Interview.

 
 
 
 

ZDF.online: Frau Brodde, was tragen Sie gerade?

Kirsten Brodde: Mein Dresscode beim Weltretten sind Jeans und Shirt - beides aus Biobaumwolle. Wenn ich mich in Schale werfe, steige ich schon mal auf ein Kleid aus Ökoleinen oder aus Schurwolle um. Die Wolle stammt dann von Schafen aus kontrolliert biologischer Tierhaltung. Da ich jede Menge Zettel und Zeitungen mit mir trage, habe ich mir eine größere Tasche aus meiner alten Luftmatratze anfertigen lassen, die noch ein bisschen nach Sonne und Strand riecht, was im regnerischen Hamburg gut für die Stimmung ist. Für feinere Anlässe habe ich eine Handtasche aus pflanzlich gegerbtem Leder.

Zitat

„Mit dem Kauf von grüner Mode stimmen wir vereinfacht gesagt für weniger Gift und mehr Gerechtigkeit in der Textilindustrie.“

Kirsten Brodde

ZDF.online: Warum sollte Kleidung Öko sein? Was spricht gegen konventionelle Textilien?

Brodde: Mit konventioneller Kleidung sind wir buchstäblich nicht anständig angezogen. Denn andere müssen knochenhart schuften, damit wir schick sind. Häufig sind es rechtlose Näherinnen und sogar Kinder, die für Hungerlöhne T-Shirts, Jacken und Hosen schneidern. Und das ist nicht die einzige dunkle Seite der Textilproduktion. Obendrein verwandeln ganze Bäder an Chemikalien unsere zweite Haut allzu oft in "Reiz-Wäsche" für Umwelt und Gesundheit. Dabei lässt sich Kleidung ebenso sauber wie sozialverträglich produzieren. Mit dem Kauf von grüner Mode stimmen wir vereinfacht gesagt für weniger Gift und mehr Gerechtigkeit in der Textilindustrie.

Baumwollernte. Quelle: dpa
dpa
Baumwollbauern arbeiten oft für einen Hungerlohn.

ZDF.online: Unter welchen Bedingungen arbeiten die meisten Menschen in den Baumwoll-Anbaunationen?

Brodde: Weltweit wurden 2008/2009 rund 25 Millionen Tonnen Baumwolle geerntet. China, Indien und Pakistan sind die drei größten Anbaunationen. Der konventionelle Anbau belastet die Bauernfamilien stark, denn die Baumwolle muss aufwändig mit giftigen Insektiziden gespritzt werden. Die Bauern, die die Ackergifte meist ohne Atemmasken und Schutzkleidung versprühen, leiden unter Atemproblemen, Hautekzemen oder Kopfschmerzen. Viele haben Familiendramen erlebt, wenn ihre Kinder beispielsweise aus leeren Pestizidbehältern getrunken haben und qualvoll gestorben sind. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass die Pestizide für 20.000 Todesfälle im Jahr verantwortlich sind.

Die Pestizide gefährden aber auch in ökonomischer Hinsicht das Überleben der Bauern, denn sie sind teuer und die Bauern buchstäblich "spuckearm". Viele Bauern sind hoch verschuldet, da sie auf Pump Saatgut, Pestizide und Dünger gekauft haben. Die Erlöse der Baumwolle fielen zu mager aus, um die Kredite samt üppiger Zinsen zurückzuzahlen. Viele trinken aus Verzweiflung Pestizide und bringen sich um. Aus dieser bitteren Bilanz heraus lässt sich verstehen, warum Biobaumwolle, die auf giftfreien Äckern wurzelt, so vorbildlich ist und die Bauern davon besser leben können.

Jeanshosen.
Gefärbte Textilien können gesundheitsschädlich sein.

ZDF.online: Problematisch sind auch die Veredelung und Färbung der Kleider. Warum?

Brodde:
Damit Kleidung bestimmte Eigenschaften hat, zum Beispiel nicht einläuft, bügelleicht oder farbenfroh ist, braucht es eine Reihe von Chemikalien und überdies eine Unmenge Wasser. Viele dieser Chemikalien sind nie für den Hautkontakt gemacht worden und belasten überdies Luft und Abwasser. Problematisch sind vor allem schwermetallhaltige Farbstoffe und sogenannte Färbebeschleuniger - bunte Farben haben also ihren Preis. Wir erfahren von alle dem nichts. Denn leider fehlt auf Kleidung eine "Zutatenliste" wie bei Lebensmitteln oder Kosmetik üblich. Das laxe deutsche Textilkennzeichnungsgesetz sieht diese Auflistung nicht vor.

 

ZDF.online: Ein einheitliches Qualitätssiegel für faire und ökologische Kleidung fehlt bislang. Worauf kann man achten, wenn man sich umweltbewusst kleiden will?

Brodde:
Oft ist inzwischen der erste Schritt gemacht und der Rohstoff der Kleidung, also die Faser, ist sauber. Die Kleidungsstücke sind dann mit "Biobaumwolle", "Organic Cotton" oder "Biocotton" gekennzeichnet. Besser ist, die Kleidung ist auf dem ganzen Weg vom Acker bis in den Schrank ökologisch und ethisch einwandfrei hergestellt und als "bio" und "fair" ausgelobt. Oft hilft nur, eine echte "Ethikpest" zu sein und die Firmen zu fragen, wie und wo sie herstellen. Misstrauisch sollte uns stimmen, wenn wir keine Auskunft bekommen. Viele kleinere Hersteller, die aus 100 Prozent Überzeugung diese Modemachen, erzählen die Geschichte hinter ihren Produkten gerne.

 

ZDF.online: Ein Blick in die Zukunft: Ökokleidung für alle - ist das realistisch?

Brodde: Nein, dazu kaufen wir einfach zu viel neue Kleidung und huldigen der Ex-und-Hopp-Mentalität. Bei sechs bis sieben Modezyklen im Jahr fällt es schwer, die Umwelt zu entlasten. Wahrlich ökologisch sind Kleidungsstücke, die das Zeug zum Lieblingsstück haben und die wir lange tragen können. Und wenn wir wirklich einen Kick brauchen, um unserer Lust an der Verwandlung zu frönen, kann man auch mal Secondhand-Läden ausprobieren oder gar das Leihen und Tauschen.

Infobox

Zur Person:

Dr. Kirsten Brodde, geboren 1964, ist Journalistin und Buchautorin und lebt in Hamburg. Von 2000 bis 2008 arbeitete sie als Redakteurin des Greenpeace Magazins mit Schwerpunkt Umwelt- und Verbraucherthemen. Seit kurzem steht sie als Textilexpertin der grünen Internet-Plattform Utopia zur Seite. In ihrem gerade erschienenen Buch "Saubere Sachen" gibt sie unter anderem Tipps, wo man Öko-Mode findet. ("Saubere Sachen", Heyne-Verlag, ISBN-10: 3453280032, Preis: 16,95 Euro).

 
 

Sendungsinformationen

Sonntag, 29.03.2009 13:20 - 13:55 Uhr

VPS 29.03.2009 13:20

Länge: 35 min

Umweltmagazin, Deutschland, 2009

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